Der technologische Wandel im Schmalbahn-Etikettendruck hat in den letzten Jahren eine klare Richtung eingeschlagen: weg von konventionellen Quecksilberdampflampen, hin zur hocheffizienten LED-UV-Härtung. Während die energetischen Vorteile oft im Vordergrund stehen, bleibt eine zentrale technische Frage für Druckingenieure entscheidend: Wie beeinflusst diese spezifische Wellenlänge die Farbpenetration und die daraus resultierende Druckqualität?
In der Welt des Flexodrucks ist die Steuerung der Farbmigration und der Verankerung auf dem Substrat die Grundlage für exzellente Ergebnisse. Die Umstellung auf LED-UV verändert die physikalischen Abläufe während des Trocknungsprozesses fundamental.
Die physikalischen Grundlagen: Wellenlänge trifft Chemie
Konventionelle UV-Systeme arbeiten mit einem breiten Spektrum. Sie decken den Bereich von UVC über UVB bis UVA ab. LED-UV-Systeme hingegen konzentrieren ihre Energie auf einen sehr schmalen Bereich, meist bei 385 nm oder 395 nm. Dieser Unterschied ist für die Farbpenetration im Etikettendruck kritisch.
Kürzere Wellenlängen (UVC) sorgen primär für die Oberflächenhärtung. Sie dringen kaum in dicke Farbschichten ein. Die längeren Wellenlängen der LED-Systeme (UVA) besitzen eine deutlich höhere Eindringtiefe. Im Flexodruck bedeutet dies, dass die UV-Strahlung die Farbschicht bis zum Substrat vollständig durchdringt. Dies fördert eine gleichmäßige Polymerisation über den gesamten Querschnitt der Farbschicht.
Einfluss auf die Viskosität und das Saugverhalten
Die Farbpenetration hängt stark von der Zeitspanne zwischen dem Farbauftrag und der Härtung ab. Im Schmalbahn-Flexodruck liegen zwischen dem Druckwerk und der LED-Station oft nur Bruchteile einer Sekunde.
LED-UV-Lampen emittieren kaum Infrarotstrahlung. Dadurch bleibt das Substrat kühl. Bei konventionellen UV-Lampen sorgt die Hitze oft für eine kurzzeitige Viskositätssenkung der Farbe. Dünnflüssigere Farbe dringt tiefer in poröse Materialien wie Papieretiketten ein. Da LED-Systeme “kalt” härten, bleibt die Viskosität der Farbe stabiler. Die Farbe steht besser auf der Oberfläche, was zu einer höheren optischen Dichte und brillanteren Farben führt.
Substratabhängigkeit: Folie vs. Papier
Im Etikettendruck arbeiten wir mit extrem unterschiedlichen Oberflächen. Die Auswirkungen der LED-Härtung variieren hier stark:
1. Nicht-saugende Substrate (PE, PP, PET)
Bei Kunststofffolien gibt es keine Penetration im klassischen Sinne. Hier geht es um die molekulare Verankerung. Die hohe Intensität der LED-Strahlung sorgt für eine sofortige Vernetzung an der Grenzfläche zum Substrat. Dies verbessert die Haftungswerte (Tape-Test) erheblich, da die Schrumpfung der Farbschicht kontrollierter abläuft als bei schlagartiger Hitzeeinwirkung.
2. Saugfähige Papiersubstrate
Bei ungestrichenen Papieren verhindert die schnelle LED-Reaktion ein zu tiefes Absinken der Pigmente in die Faserstruktur. Die Farbe wird fixiert, bevor sie durch Kapillarkräfte wegsacken kann. Das Ergebnis ist ein schärferer Punkt (geringerer Dot Gain) und eine reduzierte Gefahr des Durchschlagens auf die Rückseite des Etiketts.
Die Rolle der Photoinitiatoren und der Pigmentierung
Die Farbpenetration wird auch durch die Transparenz der Farbe beeinflusst. Hochpigmentierte Farben, wie sie im modernen Flexodruck für feine Rasterungen verwendet werden, blockieren oft die UV-Strahlung.
LED-optimierte Farben enthalten spezielle Photoinitiatoren, die exakt auf die 395 nm Wellenlänge abgestimmt sind. Da diese Wellenlänge weniger stark von Pigmenten absorbiert wird als kurzwelliges UV-Licht, erreicht die Energie auch bei hoher Pigmentlast die tieferen Schichten. Das Risiko von “Runzelkorn” oder einer nur oberflächlich gehärteten Farbschicht, unter der flüssige Farbe verbleibt, wird minimiert.
Sauerstoffinhibierung und Oberflächeneigenschaften
Ein bekanntes Phänomen der LED-Härtung ist die Sauerstoffinhibierung an der Oberfläche. Da die LED-Energie tief eindringt, ist die Durchhärtung (Bottom-up) meist exzellent. An der unmittelbaren Oberfläche kann der Luftsauerstoff jedoch die Radikalkettenreaktion stören.
Dies führt dazu, dass die Oberfläche der Farbe minimal länger “offen” bleibt als bei konventionellem UV. In Kombination mit der Rasterwalzentechnologie im Flexodruck kann dies die Verlaufscharakteristik der Farbe beeinflussen. Moderne LED-Farben kompensieren dies durch eine angepasste Chemie, um eine klebrige Oberfläche zu vermeiden.
Auswirkungen auf den Narrow-Web-Offsetdruck
Obwohl der Fokus oft auf dem Flexodruck liegt, findet die LED-Technologie auch im Schmalbahn-Offsetdruck Einzug. Hier sind die Farbschichten deutlich dünner, aber die Viskosität ist höher.
Die LED-Härtung im Offsetdruck ermöglicht eine sofortige Weiterverarbeitung ohne Trocknungszeiten. Da die Penetration in das Substrat durch die hohe Viskosität der Offsetfarben ohnehin begrenzt ist, liegt der Vorteil der LED-Technik hier primär in der Dimensionsstabilität des Materials. Thermosensitive Folien verziehen sich nicht, was die Passergenauigkeit bei Multi-Pass-Anwendungen (z.B. Kombination aus Offset und Flexo) drastisch verbessert.
Prozessoptimierung für Ingenieure
Um die Farbpenetration und Härtungsqualität unter LED-UV zu optimieren, müssen mehrere Parameter harmonisiert werden:
- Anilox-Auswahl: Durch die bessere Standfestigkeit der LED-Farben können oft höhere Schöpfvolumina gewählt werden, ohne dass der Punkt zu stark zufließt.
- Bahnspannung: Da die thermische Belastung sinkt, muss die Bahnspannung präzise nachjustiert werden, da die Materialdehnung durch Hitze entfällt.
- Abstand der LED-Köpfe: Die Bestrahlungsstärke (Irradiance) sinkt quadratisch zum Abstand. Ein minimaler Abstand zum Substrat sichert die maximale Eindringtiefe der Strahlung.
- Farbanpassung: Ein “Drop-in” von Standard-UV-Farben funktioniert selten. Die Photoinitiatoren müssen zwingend auf das LED-Spektrum abgestimmt sein.
Migration und Lebensmittelsicherheit
Ein kritischer Aspekt bei der Penetration ist die Migration unvollständig gehärteter Monomere. Im Etikettendruck für Lebensmittelverpackungen ist dies ein Ausschlusskriterium.
Die LED-Technologie bietet hier einen signifikanten Vorteil: Durch die hohe Durchstrahlungstiefe ist die Wahrscheinlichkeit ungelöster Monomere an der Unterseite der Farbschicht geringer. Wenn das System korrekt auf die Bahngeschwindigkeit abgestimmt ist, erreicht man Konversionsraten, die mit herkömmlichen Systemen nur schwer stabil zu halten sind. Die Kontrolle der Farbpenetration wird somit zu einem Sicherheitsfaktor für den Endverbraucher.
Wirtschaftlichkeit durch verbesserte Oberflächenkontrolle
Weniger Penetration bedeutet oft weniger Farbverbrauch bei gleicher Farbdichte. Da die Pigmente an der Oberfläche konzentriert bleiben, erzielen Drucker mit LED-Systemen oft eine höhere Ausbeute. Zudem reduziert die kontrollierte Kalt-Härtung den Makulaturanfall beim Einrichten der Maschine, da das Materialverhalten vorhersehbarer bleibt.
Die Wartungsintervalle der LED-Köpfe sind im Vergleich zu Quecksilberstrahlern extrem lang. Es gibt keine Aufwärmphasen, was die Prozesskonstanz direkt nach dem Start der Schmalbahnmaschine erhöht. Jedes Etikett, vom ersten bis zum letzten Meter, erfährt die exakt gleiche Strahlungsdosis, was eine homogene Farbpenetration über die gesamte Lauflänge garantiert.
Fazit für die Druckpraxis
Die Umstellung auf LED-UV verändert die Dynamik der Farbpenetration im Flexo-Etikettendruck zugunsten einer höheren Stabilität und besseren Verankerung. Die tiefe spektrale Durchdringung der 395-nm-Wellenlänge löst alte Probleme der unvollständigen Härtung bei dunklen oder hochpigmentierten Farbtönen.
Für den Ingenieur bedeutet dies: Der Prozess wird steuerbarer. Die Abhängigkeit von thermischen Effekten schwindet, während die chemische Präzision der Farbsysteme in den Vordergrund rückt. Wer die Balance zwischen Substratspannung, Farbchemie und LED-Intensität beherrscht, produziert Etiketten mit einer Qualität und Beständigkeit, die konventionellen Systemen überlegen ist.
Der Schmalbahndruck profitiert hierbei massiv von der kompakten Bauweise und der sofortigen Einsatzbereitschaft der LED-Module, was die Effizienz moderner Drucklinien auf ein neues Niveau hebt.




