In der modernen Etikettenproduktion entscheidet die Präzision der UV-Härtung über die Qualität des Endprodukts. Wer im Schmalbahndruck arbeitet, kennt das Dilemma: Die Farbe muss brillant sein, extrem fest haften und sofort weiterverarbeitet werden können. Doch hinter diesem Prozess steckt eine komplexe physikalische Wechselwirkung. Besonders das Zusammenspiel zwischen der aufgetragenen Schichtdicke und der erreichten Aushärtungstiefe ist für die Prozessstabilität im Flexo- und Offsetdruck entscheidend.
Die physikalischen Grundlagen der UV-Härtung
Die UV-Härtung basiert auf einer photochemischen Reaktion. Photoinitiatoren in der Druckfarbe absorbieren UV-Strahlung und setzen Radikale frei. Diese Radikale starten eine Kettenreaktion, die flüssige Monomere und Oligomere in ein festes Polymernetzwerk verwandelt. Dieser Vorgang dauert nur Bruchteile einer Sekunde.
Die Herausforderung liegt in der Eindringtiefe der Photonen. Licht verliert an Intensität, je tiefer es in eine Materieschicht eindringt. Im Etikettendruck ist dieser Effekt massiv. Sobald die UV-Strahlen auf die Farbschicht treffen, werden sie absorbiert und gestreut. Wenn die Energie an der Basis der Farbschicht nicht ausreicht, bleibt die Farbe dort flüssig. Das Resultat ist eine mangelnde Haftung auf dem Substrat, obwohl sich die Oberfläche trocken anfühlt.
Schichtdicke: Der kritische Faktor im Flexodruck
Im Flexodruck variieren die Schichtdicken je nach Anwendung stark. Während Rastergrafiken mit sehr dünnen Schichten arbeiten, erfordern Vollflächen und haptische Lacke deutlich mehr Material. Besonders problematisch ist die Verwendung von Deckweiß.
Deckweiß enthält eine hohe Konzentration an Titandioxid-Pigmenten. Diese Pigmente haben die Aufgabe, Licht zu reflektieren. Leider reflektieren sie auch die UV-Strahlung, die eigentlich die unteren Schichten erreichen soll. Verdoppelt man die Schichtdicke, halbiert sich die Lichtintensität am Boden der Schicht oft nicht nur, sie sinkt exponentiell.
Für den Drucker bedeutet das: Eine Erhöhung der Schichtdicke erfordert entweder eine langsamere Druckgeschwindigkeit oder eine höhere Lampenleistung. Werden diese Parameter nicht angepasst, droht eine „Scheinhärtung“. Dabei ist die Oberfläche polymerisiert, aber die Grenzschicht zum Etikettenmaterial bleibt instabil.
Aushärtungstiefe im Offsetdruck: Dünne Schichten, hohe Dynamik
Der UV-Offsetdruck arbeitet im Vergleich zum Flexodruck mit deutlich geringeren Schichtdicken. Hier bewegen wir uns oft im Bereich von 1 bis 2 Mikrometern. Man könnte meinen, dass die Aushärtungstiefe hier kein Problem darstellt. Doch die Dynamik ist eine andere.
Im Offsetdruck sind die Farbsysteme hochpigmentiert. Die hohe Pigmentdichte kompensiert die geringe Schichtdicke, um die gewünschte Farbsättigung zu erreichen. Diese Pigmente konkurrieren mit den Photoinitiatoren um die verfügbaren UV-Quanten. Besonders bei dunklen Tönen wie Schwarz oder Dunkelblau ist die Absorption der UV-Strahlung durch das Pigment extrem hoch. Hier muss die Wellenlänge des UV-Systems exakt auf das Absorptionsspektrum der Farbe abgestimmt sein, um eine vollständige Durchhärtung zu garantieren.
LED-UV-Technologie: Ein Durchbruch für die Eindringtiefe
Die Einführung der LED-UV-Härtung hat die Spielregeln im Schmalbahndruck verändert. Herkömmliche Quecksilberdampflampen emittieren ein breites Spektrum an Wellenlängen. Davon sind jedoch viele kurzwellig (UVC), die vor allem an der Oberfläche wirken.
LED-Systeme hingegen arbeiten meist bei 385 nm oder 395 nm. Diese langwellige UVA-Strahlung hat eine deutlich höhere Eindringtiefe. Sie wird von den Pigmenten weniger stark gestreut und erreicht die tieferen Schichten der Farbe effektiver.
In der Praxis bedeutet das: Mit LED-UV lassen sich dickere Farbschichten oder hochpigmentierte Farben bei höheren Geschwindigkeiten härten. Besonders bei der Produktion von Tubenetiketten oder Spezialverpackungen mit hohem Farbauftrag bietet LED eine Prozesssicherheit, die mit konventionellem UV-Licht nur schwer erreichbar war.
Das Lambert-Beersche Gesetz in der Druckpraxis
Um den Zusammenhang zwischen Schichtdicke und Aushärtungstiefe technisch zu verstehen, hilft ein Blick auf das Lambert-Beersche Gesetz. Es beschreibt die Abschwächung von Strahlung beim Durchgang durch ein absorbierendes Medium.
Für den Etikettendruck lässt sich ableiten:
- Extinktion: Jedes Pigment und jedes Bindemittel hat einen spezifischen Extinktionskoeffizienten.
- Konzentration: Je mehr Photoinitiatoren vorhanden sind, desto mehr Licht wird bereits oben absorbiert.
- Pfadlänge: Die Schichtdicke wirkt linear auf die Extinktion, aber die Transmission (das durchgelassene Licht) sinkt exponentiell.
Ein praktisches Beispiel: Wenn eine Farbschicht von 2 µm auf 4 µm erhöht wird, kommt am Boden nicht nur die Hälfte der Energie an. Je nach Pigmentierung kann die Restenergie auf 10 % des ursprünglichen Wertes sinken. Dies erklärt, warum kleine Änderungen in der Farbführung oft drastische Auswirkungen auf die Haftung haben.
Optimierung der Parameter im Schmalbahndruck
Um eine optimale Aushärtungstiefe bei variierenden Schichtdicken zu gewährleisten, müssen mehrere Stellschrauben beachtet werden:
1. Abstimmung der Photoinitiatoren:
In modernen UV-Farben werden Mischungen aus verschiedenen Photoinitiatoren verwendet. Einige reagieren auf kurzwelliges Licht für die Oberflächenhärte (Kratzfestigkeit), andere auf langwelliges Licht für die Tiefenhärtung. Das Verhältnis muss zur verwendeten Lichtquelle passen.
2. Bahngeschwindigkeit und Bestrahlungsdosis:
Die Dosis ist das Produkt aus Intensität und Zeit. Erhöht man die Geschwindigkeit im Schmalbahndruck, sinkt die Zeit, in der die Photonen in die Schicht eindringen können. Bei dicken Schichten ist eine hohe Peak-Intensität wichtiger als eine lange Bestrahlungsdauer, um die Reaktionsschwelle auch am Boden der Schicht zu überschreiten.
3. Sauerstoffinhibierung:
Sauerstoff aus der Umgebungsluft kann die Polymerisation an der Oberfläche stoppen. Das betrifft zwar primär die Oberfläche, hat aber indirekt Einfluss auf die Tiefenhärtung. Wenn die Oberfläche zu langsam schließt, diffundiert weiterhin Sauerstoff in die Schicht und behindert die Durchhärtung.
Messung und Kontrolle der Aushärtungstiefe
Wie stellt ein Techniker fest, ob die Aushärtungstiefe ausreicht? Der einfache „Wischtest“ reicht oft nicht aus. Im professionellen Etikettendruck werden anspruchsvollere Methoden eingesetzt:
- Gitterschnitt-Test: Hierbei wird die Haftung der gesamten Schicht auf dem Substrat geprüft. Versagt der Test, ist oft eine mangelnde Aushärtungstiefe die Ursache.
- Aceton-Test: Ein mit Lösungsmittel getränktes Tuch prüft die chemische Beständigkeit. Löst sich die Farbe von unten ab, war die UV-Dosis für die Schichtdicke zu gering.
- Extraktionsanalyse: Im Labor kann der Anteil nicht reagierter Monomere bestimmt werden. Dies ist besonders im Lebensmittelbereich für Low-Migration-Anwendungen entscheidend.
Herausforderung Veredelung: Lacke und Laminate
Ein oft unterschätztes Thema im Zusammenhang mit der Schichtdicke ist die Veredelung. Hochglanzlacke werden oft in sehr hohen Schichten aufgetragen, um einen Spiegeleffekt zu erzielen. Wenn dieser Lack über einer bereits gedruckten Farbschicht liegt, muss die UV-Strahlung beide Schichten durchdringen.
Hier ist Vorsicht geboten: Manche Pigmente in der unteren Farbschicht können die UV-Strahlung reflektieren und so die Härtung des darüber liegenden Lacks unterstützen. Andere absorbieren so stark, dass der Lack an der Grenzfläche flüssig bleibt. Dies führt zu „Delamination“, bei der sich der Lack nach der Trocknung einfach vom Etikett abziehen lässt.
Fazit für die Druckproduktion
Der Zusammenhang zwischen Schichtdicke und Aushärtungstiefe ist kein linearer Prozess, sondern eine komplexe Balance aus Chemie und Physik. Wer Etiketten im Flexo- oder Offsetdruck produziert, muss die Grenzen seiner UV-Anlage kennen.
Dicke Schichten erfordern langwellige Strahlungsanteile, wie sie moderne LED-Systeme liefern. Dünne Schichten im Offsetdruck hingegen verlangen nach einer präzisen Abstimmung der Photoinitiatoren auf die Pigmentdichte. Nur wer die Schichtdicke konstant kontrolliert und die UV-Leistung entsprechend skaliert, vermeidet kostspielige Reklamationen durch mangelnde Farbdurchhärtung.
In einer Branche, die immer schnellere Produktionszyklen und schwierigere Substrate fordert, ist das Verständnis dieser Zusammenhänge die Basis für wirtschaftlichen Erfolg. Die Investition in hochwertige Messtechnik zur Überprüfung der UV-Dosis und die regelmäßige Wartung der Reflektoren und LED-Module sind dabei unerlässlich.




